Bertram - die marokkanische Kamille

Immer wieder erhalte ich aus meiner Naturakademie Impulse, mich Pflanzen mit frischen Augen und einer neuen Betrachtungsweise zu nähern. Vor kurzem verschickte ich an die Mitglieder der Naturakademie ein Rätsel, eine Fotocollage, zu weißblühenden Korbblütler, wie z. B. dem Gänseblümchen, der Margerite oder der Kamille. In der Collage war auch der Römische Bertram enthalten.

Zugegeben eine kniffelige Aufgabe, diesen als solchen zu identifizieren. Denn er ähnelt der Kamille sehr, auch die Blätter sind recht ähnlich. Und auf einem Foto hat man nicht die Möglichkeit des Fühlens, Riechens und Schmeckens, wie wir es sonst in der Natur direkt vor Ort gewöhnt sind.

 

Ursprünglich stammt diese Pflanze aus dem Mittelmeerraum und Arabien. In Mitteleuropa wird er vor allem in Gärten angebaut. In freier Natur findet man ihn selten. Dass er im Gartenbau Tradition hat erkennt man spätestens, wenn man sich das alte Wissen der Hildegard von Bingen erschließt!

Für die heilkundige Hildegard war der Bertram eines der wichtigsten Kräuter - und laut ihrer Empfehlung solle man ihn täglich zu sich nehmen. Letztendlich: Wenn Hildegard von Bingen den Betram nicht für die tägliche Ernährung und als Heilkraut empfohlen hätte, wäre diese Pflanze inzwischen wohl völlig in Vergessenheit geraten.

Denn die Kamille als Heilpflanze liebt ähnliche Standortbedingungen - sonnige und karge Böden – und hatte bzw. hat einen großen Stellenwert, auch in der Volksheilkunde.

 

Dabei stehen Heilpflanzen überhaupt nicht in Konkurrenz, denn jede hat ihre Vorzüge, ihre Persönlichkeit und ihre Anwendungsformen. Bei der Kamille wird vor allem die Blüte verwendet. Beim Römischen Bertram hat sich der Einsatz der Wurzel bewährt: diese wird nach der Ernte getrocknet und anschließend meist zu Pulver verarbeitet.

Außer bei Verdauungsproblemen und Erkältungskrankheiten empfahl Hildegard von Bingen den Bertram auch für die ‚Kopfgesundheit‘, also zur Unterstützung der Konzentrationsfähigkeit und des Gedächtnisses. Aber auch bei Herzleiden, Magenproblemen, Zahnschmerzen, Ischias, Hexenschuss und Angstzuständen fand er Einsatz.

Wie hoch geschätzt diese Heilpflanze bei ihr gewesen ist zeigen diese Zeilen:

„Und auf welche Weise immer er (Bertram) gegessen wird, trocken oder in einer Speise, ist er nützlich und gut sowohl für den kranken wie auch den gesunden Menschen. Denn wenn ein Mensch ihn oft isst, vertreibt er von ihm die Krankheit und verhindert, dass er krank wird. Dass er beim Essen im Mund die Feuchtigkeit und den Speichel hervorruft, kommt daher, dass er die üblen Säfte herauszieht und die Gesundheit zurückgibt.“

 

Im 19. und 20. Jahrhundert wurde vor allem im Osten Deutschlands eine gezüchtete Form des Römischen Bertrams, Deutscher Bertram genannt, zu Heilzwecken angebaut. Vor allem als Tinktur gegen Zahnschmerzen, Munderkrankungen, Zungenlähmung und Einreibung bei Kältegefühlen, Krämpfen und Lähmungen wurde er eingesetzt. Heute gilt der Deutsche Bertram als ausgestorben.

 

Umso wichtiger und schöner, dass uns der Römische Bertram erhalten geblieben ist! Von Mai bis September - letztes Jahr sogar bis in den November hinein - zeigte er seine leuchtend weißen Zungenblüten und brachte mich oft zum Strahlen, wie könnte man bei diesem schönen Anblick auch unbewegt bleiben!

In meinem eigenen Garten wächst nun seit 2 Jahren der Römische Bertram und ich habe mir bisher nicht getraut, die Wurzeln auszugraben. Ich möchte noch etwas warten, bis er sich weiter ausgebreitet und an Boden gewonnen hat. Deshalb kaufte ich nun einfach das Pulver in meinem Bioladen, um doch endlich auch in den Genuss zu kommen. Das Pulver der Bertramwurzel schmeckt leicht würzig, aber auch erdig und lässt sich wunderbar in allen möglichen Speisen integrieren: ob Gemüse, Salate, Suppen und Soßen, im Frühstücksmüsli oder im Brot, er ist ein wirkliches Universalgewürz!

Natürlich sollte man den Bertram als Gewürz – wie übrigens alle Heilpflanzen – in Maßen einsetzen.

 

Aber er ist eine wundervolle Ergänzung zur gewohnten Ernährung und zeigt, wie unerschöpflich uns Mutter Natur mit einer Vielzahl von verschiedenen Pflanzen immer wieder auf’s Neue beschenkt und bereichert.