Die Weide und die Emotionen

Weidenkätzchen haben mich schon immer fasziniert! Sie sind eine Erinnerung an meine Kindheit - durch Wiesen und Wälder zu streifen, in Gebüschen zu sitzen, Kätzchen zu pflücken und sie an meiner Backe zu reiben. Auch heute noch kann ich diesem Reiz, ein Kätzchen zu nehmen, es zu streicheln und an meiner Wange zu reiben, selten widerstehen: sofort kommt das Gefühl der Freiheit, der Unbeschwertheit zurück.

 

Die Kinder unserer Vorfahren haben sicher auch das kuschelig weiche der Weidenkätzchen zu schätzen gewusst. Ihre Eltern sahen aber in der Weide etwas anderes: Sie war u. a. ein wichtiger Lieferant zur Herstellung von Körben. Der Korbmacher war ein gefragter Mann, welcher die Dörfer mit Körben für die Handwerker und die Haushalte versorgte. Auch für Fachwerkhäuser war die Weide gefragt: man wand die Äste zu einem Geflecht und füllte damit die Fächer zwischen den Holzbalken aus. Der Verputz mit Lehm vervollständigte dann den ›Innenausbau‹. 

Strohdächer, aus Strohbündeln, gefertigt, wurden ebenfalls mit Weidenruten gedeckt. Als Ufer- und Hangbefestigung sowie bei Errichtung von Zäunen fand die Weide auch ihren Einsatz. Die Winzer banden die Reben anstatt mit Draht mit Weidenruten fest. Und die Ärmeren der Bevölkerung schnürten ihre Schuhe mit jungen Weidenzweigen. 

 

In der Mythologie ist die Weide einer der widersprüchlichsten Bäume. Sie umgibt der Hauch des Todes. Der Todesgott der Germanen, Viddharr, wohnte im Weidengebüsch. 

In der antiken griechischen Vorstellung war die Weide vom Todeshauch umgeben. Die alten Griechen maßen ihr jedoch eine doppelte Bedeutung zu. Neben dem Tod symbolisierte sie auch das junge, sich entfaltende Leben und die Geburt. Mit ihrer ungezügelten Lebenskraft zählte die Weide zu den Attributen Demeters, der Göttin des Ackerbaus und der Fruchtbarkeit. 

 

Interessant auch sind Funde aus der Shang-Dynastie, welche bis ins 16. Jhdt. v. Chr. zurückreichen. In Orakelknochen fand man Schriftzeichen für die Weide eingeritzt. Dieses Schriftzeichen ist auch heute noch gültig: ›Qi‹, was sowohl für den Lebensatem als auch für Weide steht.

 

Ich bin immer wieder fasziniert von der Weide, die vielen Geschichten und Mythen, die um sie ranken, die widersprüchlichen Gefühle, die sie in uns heraufbeschwören kann. Als ich einmal zu Besuch bei meiner Lieblingsweide war, merkte ich, dass sie eine  Sehnsucht  nach Vergangenem in mir auslöste. Ich dachte an meine Eltern, die ich vermisse, und damit verbunden an eine unbeschwerte und fröhliche Kinderzeit. Ich fühlte eine Traurigkeit in mir aufsteigen, und Tränen flossen.

Das Erstaunliche war dann jedoch die Wandlung, die ich in mir fühlte. Durch meine Tränen kam etwas in Fluss, ein Lösen und Erlösen. Wie ich so am Fuße der Weide saß und in den Fluss schaute, wurde mir plötzlich ganz leicht, als würden alle Sorgen mit dem Wasser davongetragen. Alles war ruhig, in mir und um mich herum. 

 

Das war die Botschaft, die ich durch die Weide empfand. Alles ist ein Kommen und Gehen, wir Menschen, alle Lebewesen, und damit verbunden auch alle Gefühle und Erfahrungen. Wenn wir es zulassen, dies anzunehmen, fühlen wir uns befreit und leicht. 

Ich wünsche auch Ihnen erfüllende und befreiende Erlebnisse mit und bei der Weide.